Mit dem Rad ans Nordkap, nach Finnland, Japan, Korea, Sibirien – und das alles im Winter. Die Liste des italienischen Abenteurers Lorenzo Barone ist lang und eisig. Während die meisten von uns schon Ende Oktober  ihre Räder an die Wand hängen, unternimmt der 23-Jährige Radreisen unter extremen Temperaturen. So verwundert es auch nicht, dass sich Lorenzo gerade in Jakutien befindet. Die nordsibirische Enklave gilt als der kälteste Ort der Welt. Höchste Zeit für ein Interview, in dem uns der Frostfanatiker erklärt, was ihn so sehr an der Kälte fasziniert, welche Herausforderungen diese an ihn und an seine Ausrüstung stellt und wie er es schafft, trotz seiner langen Reisen eine Beziehung zu führen.

Interview: Max Marquardt / Fotos: Lorenzo Barone

CLEAT: Hi Lorenzo, du hast schon früh mit dem Bikepacken begonnen. Wie ist es dazu gekommen?

Lorenzo Barone: Das liegt vielleicht daran, dass ich generell ein sportlicher Typ bin. Bevor ich mit dem Radfahren anfing, habe ich mit meinen Kumpels Parcour gemacht. Mit 18 bin ich dann zu meiner ersten Radreise aufgebrochen: 8000 Kilometer von Italien nach Portugal und dann wieder zurück. Insgesamt habe ich dafür 82 Tage gebraucht. Darauf folgten dann ein paar kürzere Reisen. Über die Alpen, Apenninen, zum Etna, insgesamt 3.500 Kilometer. Hauptsächlich im Winter. Danach war ich 8 Monate durchgehend unterwegs.

In so jungen Jahren hat man selten viel Geld. Wie hast du dir diese Reisen finanziert?

In den Niederlanden habe ich mir mit dem Straßen-Jonglieren ein bisschen was verdient, damit ich meine Reise fortsetzen konnte. Am 9. Dezember 2016 habe ich dann meinen Traum erfüllt und das Nordkap erreicht, mit gerade mal 70 Euro in den Taschen. Irgendwie habe ich mich beim Rückweg dann aber durchgeschlagen und schaffte es am Ende nach Hause. Allerdings musste ich unterwegs teilweise bei Supermärkten nach abgelaufenem Essen fragen, um nicht zu verhungern.

Du scheinst bei Minusgraden erst so richtig in Stimmung zu kommen. Woran liegt das?

Ich habe schon sehr früh gelernt gut draußen in der Kälte zurecht zu kommen. Der Trip ans Nordkap war damals für mich die beste Schule. Mir machen diese niedrigen Temperaturen gar nicht so viel aus. Ich verstehe auch nicht, warum die Leute im Winter nicht radfahren. Es ist alles eine Sache der Adaption.

Stichwort Adaption: Du bist gerade in Jakutien unterwegs. Hier hat es fast Minus 60 Grad…

Ja, im Winter ist Jakutien der kälteste Ort der Erde. Aber ich bin hierher gekommen um mich selbst auf die Probe zu stellen, mein Wissen und meinen Erfahrungsschatz zu erweitern um besser zu werden. Und bisher läuft es ganz gut.

Eine große Herausforderung ist die Ausrüstung für unwirtliche Orte wie diese. Du hast dir eigens dafür Equipment angefertigt. Ganz in Oldschool-DIY Manier…

Kein Mensch ist so bekloppt und denkt bei Minus 50 Grad noch ans Radfahren. Noch nicht mal in Jakutien. Das ist auch der Grund dafür warum man noch nicht mal dort Spezialausrüstung für dieses Unterfangen bekommt. Also blieb mir gar nichts anderes übrig als mir selbst welches zu bauen. Ich habe wirklich so gut wie alles an meinem Rad und an den Taschen für diese Reise modifiziert: Für die Lager meines Bikes benutze ich zum Beispiel Flugzeugfett und Turbinenöle.

Bitte was?

Die Schmiermittel, die in der Luftfahrt zum Einsatz kommen, haben eine Kältebeständigkeit bis Minus 73 Grad. Alles andere gefriert schlichtweg. Ausserdem habe ich alle Plastik-Clips meiner Taschen gegen welche aus Metall getauscht. Auch die elastischen Bänder in den Zeltstangen habe ich ausgetauscht, damit diese in der Kälte nicht reißen. Der ganze Umbau und die Testphase haben über vier Wochen gedauert, in denen ich quasi rund um die Uhr gearbeitet und getestet habe.

„Kein Mensch ist so bekloppt und denkt bei Minus 50 Grad noch ans Radfahren. Noch nicht mal in Jakutien“

Mit all der Spezialausrüstung und dem Krempel aus Metall: Wie schwer ist dein Bike vollbepackt?

Komplett mit Ausrüstung, Verpflegung und Wasser komme ich auf 80-85 Kilogramm. Im Sommer sind es nur 25 Kilo.

Was war deine bisher längste Tages-Distanz?

Das waren 234 Kilometer in der Türkei. Ich versuche aber eigentlich pro Tag nicht mehr 100 Kilometer zurückzulegen, damit ich das Nachtlager nicht im Dunkeln aufbauen muss. Hier in Sibirien waren das Tagesmaximum 146 Kilometer, weil es mit Minus 25 Grad an diesem Tag verhältnismäßig warm war. Bei Minus 45 oder 50 Grad war das Limit nach 64 Kilometern erreicht.

„Der wichtigste Tipp für das Radfahren im Winter: Haltet eure Klamotten trocken!“

Osteuropa, Türkei, Sibirien, Korea, Indien – hattest du auf deinen Abenteuern auch schon mal Schiss vor irgendwas?

Die meisten Menschen haben ja Angst vor Tieren, ich habe eher Angst vor Menschen, die irgendwas Böses im Schilde führen. Aber hier in Sibirien gibt es davon nicht sonderlich viele. Genau genommen gibt es hier fast gar keine Menschen.

Erzähl uns ein bisschen was zu deinem Rad. Du fährst ein Surly?

Ich habe 16.000 Kilometer auf dem alten Rad meiner Mutter zurückgelegt. Das Surly habe ich mir erst 2016 gekauft. Es ist ein Surly LHT Stahlrahmen. Schwer aber robust. Ich fahre 26″ Laufräder, um Speichenbrüchen bei dem hohen Systemgewicht vorzubeugen.

Welche Tipps kannst du uns zu Radreisen im Winter geben?

Der wichtigste Tipp für das Radfahren im Winter: Haltet eure Klamotten trocken! Es gibt nichts schlimmeres als Nässe. Versucht eure Körpertemperatur so zu regulieren, dass ihr nicht zu sehr schwitzt. Denn ihr habt keine Möglichkeit, dass ihr die verschwitzen Klamotten bis zum nächsten Tag trocken bekommt. Und nur trockene Kleidung hält euch warm.

Du hast eine Freundin, die du in Sibirien kennengelernt hast. Was sagt sie zu deinen Reisen? Und dazu, dass du so oft unterwegs bist?

Als ich vor 9 Monaten aufgebrochen bin, war ich noch Single. Als der erste Lockdown kam, blieben wir zu zweit für 7 Monate isoliert. Ich unternahm in dieser Zeit nur einen einzigen 34-tägigen Trip und sonst war ich die ganze Zeit über bei ihr. Mit den nächsten Reisen ist sie soweit „okay“. Sie will mich auch nicht aufhalten und hat mir auch viel bei der Modifizierung meiner Ausrüstung geholfen. Doch ja, es ist schon schwer wenn man für längere Zeit und auf lange Distanz getrennt ist.

Wohin soll es bei deinem nächsten Abenteuer gehen?

Ich werde in voraussichtlich einem Monat aufbrechen, insofern das die Corona-Situation zulässt. Ich möchte von Yakutsk nach Yuryung Khaya fahren, das ist am Polarkreis. Sozusagen die nördlichste Sackgasse dieses Planeten. Dort hat es schon jetzt Minus 38 Grad. Es erwartet mich dort eine unglaubliche Einöde (es gibt dort auf 1400 Kilometern nur vier Dörfer), eine verdammt miese Straße und jede Menge Polarbären. Es wird die bisher extremste Unternehmung, die ich jemals gemacht habe.

Wie kann man dich auf deinem Weg unterstützen? GoFundMe?

Momentan ist das der einzige Weg um mich zu unterstützen. Sobald ich wieder zurück in Italien bin, werde ich allen, die mich unterstützt haben, Prints von den Fotos die ich gemacht habe, zuschicken. Außerdem plane ich dann auch eine Reihe an Vorträgen über das nördliche Sibirien.

Hier könnt ihr Lorenzo finanziell unterstützen: GoFundMe

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