Drei Freunde, drei Stahlrenner und eine Radrundfahrt in Italien – mitten im Januar. In Bestform und mit jeder Menge Bierra Moretti im Gepäck geht es südwärts – für Glanz und Gloria. Viva L´Artica!

Fotos: Max Marquardt / Tobias Reiter . Text: Max Marquardt

Es gibt keine plausible Erklärung dafür, sich mitten im Januar auf einem 40 Jahre alten Stahlbock matschige Singletrails hinabzustürzen. Außer vielleicht der üblichen Portion Schwachsinnigkeit, die immer dann aufkeimt, wenn es um (rad-) sportliche Vorhaben geht. Doch zum Glück ist man damit selten alleine und somit dauerte es auch gar nicht lange, begeisterte Mitfahrer für die „L´Artica“– in Norditalien zu mobilisieren, einer Klassiker-Rundfahrt wie der berühmten Leroica. Nur etwas kälter, dafür aber familiärer.

Die L´Artica wird bereits seit 2012 von einer Handvoll Enthusiasten veranstaltet. Die Rundfahrt führt die Teilnehmer durch die pittoresken Berici-Hügel, deren Rampen teilweise 19 Grad Steigung haben. Entlang der Strecke warten auf die Fahrer vier Labestationen, an denen es köstliches Essen und Wein aus der Region gibt.

Austragungsort ist das 16.000-Einwohner Kaff Lonigo, zwischen Verona und Vicenza. Insgesamt können bei der Klassiker-Ausfahrt zwei unterschiedliche Strecken gefahren werden, eine kleine mit 25 Kilometern und ein große mit knapp 60 Kilometern und 800 Höhenmetern. Für die Räder gelten die üblichen Bestimmungen einer jeden Klassiker-Ausfahrt: Stahlrahmen bis Baujahr 1987, Außen verlegte Brems- und Schaltzüge, Körbe, Klebereifen. Natürlich muss das Outfit ebenfalls dementsprechend angepasst sein. Merinowolle-Jerseys, Sturzhauben und Lederschuhe anstelle von Gore-, Shakedry- und Thermo-Klamotten. Ja, die Sachen sind schwer und kratzig und sind sie erstmal nass, bleiben sie das auch. Der Anblick von über 700 Fahrern in diesem Aufzug, macht den mangelnden Komfort aber locker wieder wett.

Start und Ziel der Rundfahrt ist Lonigo, eine italienische Kleinstadt wie aus dem Bilderbuch.
Auf der „L´Artica“ müssen die Teilnehmer steile Anstiege mit bis zu 19 Prozent Steigung meistern.
An den Labestationen gibt es regionales Essen und Wein, aufgetischt von Sterne-Köchen.

Man sagt uns Deutschen ja viel nach, insbesondere wenn es um Pedanterie geht. Natürlich trifft das nie auf einen selbst zu, sondern immer auf „die anderen“. Eh klar. Doch als wir uns um Punkt 10 Uhr vormittags auf dem noch fast menschenleeren Marktplatz von Lonigo einfinden, um unsere Racepacks für den nächsten Tag abzuholen, dämmert uns unsere eigene Spießigkeit. Kein Mensch weit und breit, lediglich ein paar Händler, die gerade damit anfangen, ihre Verkaufsstände aufzubauen. Man kann eben nicht aus der eigenen Haut schlüpfen.

Nach einem guten Abendessen („Carboloading, Alter!“) und einer ruhigen Nacht finden wir uns 24 Stunden später erneut vor dem alten Stadttor Lonigos ein. Diesmal allerdings mit deutlich mehr Menschen als noch am Tag zuvor:

Für das Sport-Event scheint die ganze Stadt auf den Beinen zu sein. Hinter der Absperrung jubeln die Zuschauer den Fahrer zu, die örtliche Marschkapelle spielt auf und der Bürgermeister ist mitsamt Pfarrer gekommen, um die Fahrer für das bevorstehende Rennen zu segnen.

Auch für die Begleitfahrzeuge haben sich die Veranstalter etwas zeitgemäß Passendes einfallen lassen: Eine Flotte an alten Vespas, ganz wie zu Zeiten von Coppi und Merckx. Authentischer geht es nicht.

Nach einem technischen Briefing, das komplett in Italienisch vorgetragen wird, setzt sich das 750 Teilnehmer fassende Peloton in Bewegung. Es hat vier Grad über Null. Schon beim ersten Kilometer spürt man die eisige Kälte des Fahrtwinds durch die Merinowolle pfeifen. Auch auf das inzwischen sehr ungewohnte Fahrverhalten eines Stahlrenners mit 22,2 mm Reifenprofil muss man sich noch eingrooven. Glücklicherweise sind die ersten 15 Kilometer der langen Etappe in der Geraden. Daher bleibt genug Zeit sich an die Witterungsbedingungen, Klamotten und Sportgerät zu gewöhnen. Und so manchem Sportler fällt es schwer, die Augen auf der Straße zu halten, so viele schöne alte Rahmen bekommt man im Feld zu Gesicht. Von Colnago über Gios und Bianchi bis hin zu super raren Bottecchias ist wirklich alles dabei.

Kurz vor der erste Bergetappe erwartet und eine Labestation. Hier gibt es heiße Polenta mit gegrillter Salami. Dazu wird regionaler Vino Rosso serviert. „Puh, Alter…gute Medizin“, kommentiert einer meiner Teamkameraden den ersten Schluck. „Der muss mindestens 12 Prozent haben“, ergänzt er und schnappt sich einen zweiten Becher. Spätestens jetzt friert keiner mehr.

Ab Kilometer 18 geht es in die hügelige Landschaft nordöstlich von Lonigo. Die erste Herausforderung für die Teilnehmer. Denn die Anstiege zeigen sich hier giftiger als angenommen. Das Gewicht und die teilweise miese Übersetzung der alten Stahlräder machen sich jetzt bemerkbar. Erschwerend hinzu kommt der teilweise schlammige Untergrund der Trails. Über die Hälfte der gesamten Strecke wird nicht auf Asphalt gefahren. Selbst für geübte Fahrer ist das eine Herausforderung.

„Dai, Dai, Dai!“, rufen uns andere Fahrer motivierend zu, während wir uns im Wiegetritt in Richtung Hügelkuppe vorarbeiten. Wer nicht mehr kann, wird vom Hintermann angeschoben, oder steigt ab und schiebt. So geht es bei manchen Passagen einigen.

Nach einem schweißtreibendem auf und ab, zwei weiteren Labestationen mit köstlicher Versorgung (venezianische Kutteln und Kabeljau nach Vicenza-Art) werden wir in Grancona mit einem gigantischen Ausblick auf das Tal und einer rasanten Abfahrt belohnt. Auch das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite: 11 Grad und Sonnenschein.

Vergnügt rollen wir in Richtung Lonigo hinab. Die Zielgerade verläuft durch die Altstadt bis zum Marktplatz. Glückliche Gesichter wohin man blickt. Unsere drei Räder (ein Colnago Sport von Bici Bavarese, ein altes Peugeot und ein Winer) haben die Rundfahrt trotz übler Gravel-Passagen gut überstanden. Nur die Radschuhe eines Teamkameraden haben den Trip durch Vicenzas Hügel nicht überlebt.

Fazit:

Schöne Räder, ein Parcours in malerischer Landschaft, phantastisches Essen und jede Menge guter Wein: In der Radsportszene gibt es wohl nichts Vergleichbares in dieser Art. Man merkt der „L´Artica“ den Idealismus und die Leidenschaft ihrer Veranstalter bei jedem Meter an. Hauptorganisator Francesco Noro und sein Team haben uns mit diesem Event ein wahres Geschenk beschert. Nämlich dem offiziellen Beginn der Radsaison im Januar. Mille Grazie!